Schloss Seehaus ("Boveri-Schlösschen")

Schloss Seehaus

Der Nachlass der Schriftstellerin Margret Boveri gibt Einblick in die wechselvolle Geschichte des Schlösschens bei Höfen. Es ist ein Gebäude, das Geschichte atmet - jenes "Seehaus", das die vom Bamberger Bruderwald kommenden Brotzeiter kurz vor ihrem Ziel, dem schattigen Garten der Landgastwirtschaft Melber links liegen lassen müssen. Die Wenigsten werden wissen, dass hier Bundespräsident Theodor Heuss ebenso zu Gast war wie der Nobelpreisträger und Entdecker der gleichnamigen Strahlen, W.C. Röntgen, oder der Flugzeugkonstrukteur Willy Messerschmitt. Eng verbunden ist das Schlösschen mit dem Namen und der Familie der Schriftstellerin und Journalistin Margret Boveri, die hier ihre Sommer verbrachte und die am 14.08.2000 ihren 100. Geburtstag gefeiert hätte und dies uns Anlass genug ist, noch einmal einen Blick auf Geschichte und Gegenwart dieses Hauses zu werfen.

Denn es ist wieder Leben eingezogen, nachdem Silvia und Thomas Herzog das Anwesen vor vier Jahren erworben und nach einer Teilsanierung den ersten Stock bezogen haben. "Es war unser Traum," sagen die beiden und erzählen, dass sie jahrelang "um das Haus herumgeschlichen" sind. Schicksal, dass fast zur gleichen Zeit, als für sie die Hochzeitsglocken läuteten, der Besitzer des "Seehauses", Statiker Hans Schleicher aus Bamberg, verstorben ist und sein in den USA lebender Neffe Gerhard Hergenhahn das Erbe zum Kauf anbot. In dem Bewusstsein, dass die beiden Kunsthändler die Historie des Hauses zu schätzen wissen, erhielten Silvia und Thomas Herzog den Zuschlag für den drei Hektar großen Besitz. Ein bisschen "vorbelastet" ist Silvia Herzog schon: Die Tochter des Bamberger Kunsthändlers Walter Senger wuchs im Sambacher Jesuitenschlösschen auf.

"Sein Lebenswerk "

Hans Schleicher hatte das "Seehaus" 1968 von Margret Boveri erworben, und obwohl er nie hier einzog, sah er doch die Sanierung als sein Lebenswerk an. So konnten sich Silvia und Thomas Herzog bei ihrer Übernahme auf das Nötigste beschränken. Im Obergeschoss entfernte man nachträglich eingebaute Wände und stellte die großzügige Raumflucht wieder her. Böden, Fenster und Türen blieben ebenso erhalten wie die beiden Kachelöfen. Sanitär und Heizung wurden auf modernsten Stand gebracht. Unangetastet ist vorerst das Untergeschoss, in dem bis zu ihrem Tod im Herbst 1999 die hoch betagte Hedwig Seipel lebte. Sie war Margret Boveris Haushälterin und hat über 50 Jahre hier verbracht.

"Eine Fundgrube"

Es ist ein Segen, dass Hans Schleicher auch historische Dokumente zu bewahren wusste, denn mit dem Haus hatte er auch kistenweise Briefe, Rechnungen, Aufzeichnungen und Fotos von Margret Boveri erworben, die nun in den Besitz der Herzogs übergegangen sind. "Eine Fundgrube," schwärmt der 32-jährige Thomas Herzog und wird nicht müde, immer wieder in den Unterlagen zu stöbern. Im Treppenhaus erinnern Bilder an Zeiten, als Margret Boveri die Sommer mit ihren Eltern in Höfen verbrachte. Ursprünglich freilich ist die "Wassersitzeshofstatt zu Höfen" geistlicher Besitz gewesen; 1565 hatten die damaligen Besitzer, drei Brüder von Rabenstein, das Anwesen an das Bamberger Domkapitel verkauft. Dazu gehörten der "große See" (heute die Seewiese), der Brudersee jenseits des Bruderwaldes (heute ebenfalls Wiese) und der See in Unteraurach. Im "Seehaus" saß der "Seeknecht" (später "Seevogt"), der als Beauftragter des Domkapitels die Wasserwirtschaft zu besorgen hatte. Wie den Aufzeichnungen des Höfener Lehrers Deckelmann zu entnehmen ist, wurde 1711 - nachdem der mittelalterliche Seehof baufällig geworden war - ein Barockhaus mit kleinem Stall errichtet. Im "Saal" - heute das Wohnzimmer der Familie Herzog - sollen die geistlichen Herren regelmäßig zum Karpfenessen zusammengekommen sein. Nach der Säkularisation erwarb der 1804 verstorbene Hofkammerrat Thomas Schuster das Anwesen. Seine Enkelin Caroline ehelichte den Königlichen Hofrat Joseph Elsner, der sich um den Ausbau der Landwirtschaft kümmerte und die beiden genannten Seen trockenlegte. Im Gegensatz zu Elsner, der den Besitz vermehrte und 1879 verstarb, verkaufte und verpachtete sein Schwiegersohn, der Arzt Dr. Theodor Boveri, einen Teil der Äcker und die Mühle. Boveri starb 1891, seine Witwe Dr. Toni Boveri, eine geborene Elsner, hing dagegen sehr an Höfen und lebte von Mai bis September im "Seehaus", das 1903 umgebaut wurde. An Stelle des einstöckigen Stalls wurde ein zweistöckiger Seitenflügel mit zwei Zimmern angebaut und das alte Haus mit dem neuen Flügel durch einen kleinen Turm verbunden. Theodor und Toni Boveri hatten vier Söhne: Oberregierungsrat Albert Boveri (gestorben 1918) war Bezirksamtmann (heute Landrat) in Bamberg II; Theodor (gestorben 1915) war Professor der Zoologie an der Universität Würzburg; Walter (gestorben 1924) war Mitbegründer der "Brown, Boveri und Cie. Aktiengesellschaft", einem bedeutenden Unternehmen der schweizerischen Maschinenindustrie; Robert (gestorben 1934) war Direktor der Brown, Boveri und Cie. Nach dem Tod des zweiten Sohnes, Professor Theodor Boveri, verkauften die drei Brüder den Höfener Besitz an eine Treuhandgesellschaft, die die einzelnen Teile weiter an den Müller und einige Höfener Bauern veräußerte. Nur das "Seehaus", der Garten und die Dämme um die Seewiese blieben im Besitz der Familie Boveri und gingen später an Margret, die am 14. August 1900 in Würzburg geborene Tochter des 1915 verstorbenen Prof. Theodor Boveri und seiner Frau, Marcella O'Grady, die vor ihrer Ehe ebenfalls Professorin der Biologie an amerikanischen Universitäten gewesen war. Margret Boveri nahm die nach dem Tod ihres Vaters unterbrochenen Aufzeichnungen über das "Seehaus" wieder auf: "Im Herbst 1943 fand ich das Haus, das seit 1939 (letzter Aufenthalt meiner Mutter) leergestanden hatte, in einem Zustand unbeschreiblicher Verwahrlosung und tat, was in den handwerkerlosen Zeiten möglich war, um wieder etwas Ordnung zu schaffen. Außerdem drohte die Beschlagnahmung für ein BdM-Heim durch den Bamberger Kreisleiter Zahneisen. Um das Haus im Winter bewohnbar zu machen, wurde nun erstens auf die Errichtung eines Brunnens, zweitens auf die Zuleitung von Elektrizität hingearbeitet." Weiter erzählt Margret Boveri von der Erneuerung des in 30 Jahren fast zugewachsenen Gartens ("Da es in der Zeit der Geldentwertung sinnlos gewesen wäre, die Bäume zu verkaufen, habe ich das Holz in Material für einen Garagenbau umgesetzt"). Und sie blickt zurück und berichtet vom Großvater Theodor, der Höfen gehasst und nie hier übernachtet habe, sondern immer mit dem Chaislein nach Bamberg zurück gefahren sei, wo er "für seine vielfachen Liebhabereien das beträchtliche Vermögen der Großmutter verbraucht" hat.

"Zu nichts geworden"

Wie sehr ihr Höfen am Herzen lag, lässt sich daran ablesen, wie Margret Boveri den Teilverkauf rekapituliert: "Onkel Albert, der Höfen zwar offiziell von Bamberg aus verwaltete, aber wohl ebenso wenig mochte wie sein Vater, drang darauf, dass es verkauft werde. Der Beschluss wurde auf einer Familienkonferenz 1917 gefasst. Meine Mutter und ich sträubten uns vergebens dagegen. Meine Mutter und ich wollten das Ganze kaufen. Das verhinderte Onkel Walter, in dessen Firma BBC unser Geld lag. Dann beschlossen wir, wenigstens das Haus und den Garten zu übernehmen. "Bitter bemerkt Margret Boveri, dass in der Inflation die 100.000 Mark, die für die Grundstücke und die Mühle erlöst wurden, "zu nichts geworden" sind. Die Mühle kaufte der langjährige Pächter Friedrich, mit dessen Erben Josef Ullein die Boveris offenbar eine ständige Fehde führten. "Diese Schwierigkeiten und das Gestörtsein durch die auf unserem Fußweg am Haus vorbei laufenden, radelnden, neuerdings auch motorisierten Menschen haben wohl dazu beigetragen, dass die Familie (...) selten nach Höfen kam, so dass schließlich die ganze Arbeit für das Haus zuerst auf meiner Mutter ruhte, dann auf mich überging."

Warum Margret Boveri Aufzeichnungen und Fotos im "Seehaus" zurückließ, als sie es 1968 verkaufte? Wir wissen es nicht. Vielleicht glaubte sie einfach, dass die Dokumente nach Höfen gehören. Wir haben genug in alten Akten gestöbert - der Alltag holt die neuen Besitzer wieder ein: Im Geschäft warten Kunden. Noch ein Blick über die weite Wiesenlandschaft, die sich spätsommerlich friedlich zwischen den Alleen ausbreitet, zurück aufs Schlösschen. Wie schrieb Margret Boveri? "Alte Häuser strahlen das aus, was in ihnen gelebt wurde." Wie recht sie hat.

"Politische Kämpfernatur"

Am 14. August 1900 wurde Margret Boveri in Würzburg geboren. Sie studierte Anglistik, Geschichte und Germanistik und promovierte zum Dr. phil. in Berlin. Ausgedehnte Reisen führten sie in die Mittelmeerländer und den Vorderen Orient, bevor sie Mitte der 30er Jahre zur Schriftleiterin für Außenpolitik beim "Berliner Tageblatt", danach bei der Zeitschrift "Atlantis" avancierte. Für die Frankfurter Zeitung berichtete sie als Auslandskorrespondentin aus Stockholm, New York und Lissabon. Nach 1943 lebte sie als freie Schriftstellerin und Autorin teils in Höfen, teils in Berlin, wo sie sich für die Wiedervereinigung einsetzte und am 6. Juli 1975 im Alter von 74 Jahren verstarb. Margret Boveri wurde mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Für "Tage des Überlebens" erhielt sie den deutschen Kritikerpreis 1968. Ihre Autobiographie, in der sie auch Höfen ein Kapitel widmete, trägt den Titel "Verzweigungen".